Selbstreflexion bei Unternehmern und Führungskräften

Selbstreflexion für Unternehmer und Führungskräfte

...auch ein Selbstgespräch hängt immer von der Qualität des Gesprächspartners ab.

Nutze die Krise, um persönlich und unternehmerisch neue Weichen zu stellen!


Mein letzter Blog Artikel endete mit folgendem Ratschlag:

Haltet Abstand, bleibt zuhause und damit meine ich „geht nach Innen“.

Diesen Satz möchte ich heute nochmals aufgreifen, denn er hat in diesen Tagen der Corona-Krise gleich eine mehrfache Bedeutung.

Abstand halten und nach innen gehen: 

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Abstand halten und nach innen gehen bedeutet für mich auch – und das nicht nur in Zeiten von Corona:
Selbstreflexion und durch eine regelmäßige dissoziierte Betrachtungsweise einen anderen Blick auf sich selbst, eine Herausforderung oder seine eigenen Ergebnisse werfen. Achtsam einen Blick auf sich selbst zu richten und wahrzunehmen, was da ist. Das eigene Leben und sich selbst unter die Lupe zu nehmen. Dabei Verhalten zu analysieren, zu hinterfragen und versuchen zu erkennen, welche Muster und Gewohnheiten sich eingeschlichen haben und zu welchen Ergebnissen diese geführt haben.

Diejenigen die mich kennen, wissen dass ich mit Herz und Seele Wirtschaftspsychologin und Betriebswirtin bin. Ich liebe es mich selbst und die Welt zu hinterfragen und notwendig gewordene Veränderungsprozesse auf geschäftlicher oder privater Ebene einzuleiten und umzusetzen.

Einst hat mich ein bemerkenswerter Satz von Lew Tolstoi geprägt, der sagte:

"Alle denken nur darüber nach, wie man die Menschheit ändern könnte, doch niemand denkt daran, sich selbst zu ändern".

Da ist was sehr Wahres dran. Das erlebe ich auch täglich in meiner Arbeit als Unternehmensberaterin im Bereich Change Management und als Coach. Unter Beratern ist das geflügelte Wort dazu: „Wasch mich, aber mach mich nicht naß“.

Und wenn wir jetzt mal weg von Unternehmen, Unternehmern und Führungskräften gehen und uns einfach mal Nachrichten - egal wo anschauen - gibt es auch hier vielfältigen Bedarf, dass sich die Menschheit verändert. Dennoch passiert so wenig Nachhaltiges. Unendlich schade, finde ich.

Rudolf und mein Unternehmensmotto lautet in diesen Tagen mehr denn je:

„Wir werden dann in einer besseren Welt leben, wenn eine Vielzahl von Unternehmen von ganzheitlich erfolgreichen Unternehmern und Managern geführt wird“.

Aber was ist die Voraussetzung für ganzheitlichen Erfolg?
Eine Frage des Bewusstseins?
Oder des Selbstreflektionsvermögens?
Eine Frage von Auflösung narzistischer oder egoistischer Haltung?

Vielleicht musste wirklich erst eine weltweite Pandemie kommen, damit zumindest wieder bei einem kleinen Teil der Menschheit ein neues Denken angestoßen wird – eben vor allem auch in der Wirtschaft und den einzelnen Unternehmen.

Und hier stellt sich mir die Frage: Wird ein danach verändertes Denken nachhaltig möglich sein? Von was hängt dies ab? Von der Dauer der Krise und den einschränkenden Maßnahmen oder den wirtschaftlichen Auswirkungen?

Ja, und auch mir tun die Unternehmer leid, die unfreiwillig in eine finanzielle Schieflage geraten. Aber mal ehrlich, war die Schieflage nicht schon vor der Krise absehbar? Egal wie die Antwort lautet - auch hier gibt es wieder die Wahl: stehe ich nach der Krise auf wie „Phoenix aus der Asche“, erfinde ich mich neu oder zumindest in Teilen neu, überdenke ich mein Unternehmen und auch mich persönlich und verlasse meine Komfortzone oder gehe ich in die Opferhaltung.

Aus persönlicher und beruflicher Erfahrung kann ich sagen, dass der Schlüssel zur Neuerfindung, raus aus der Opferhaltung und zu ganzheitlichem Erfolg und einem glücklichen und erfüllten Leben, vor allem in der Fähigkeit der Selbstreflexion liegt.

Denn die Selbstreflexion umfasst nicht nur das Nachdenken über sich selbst, sondern auch die Selbstkritik, also das kritische Hinterfragen und Bewerten des eigenen Denkens und der damit verbundenen Handlungen. Dadurch kann auch ein individuell ausgeprägtes SELBST-Bewusstsein entwickelt werden. Selbstreflexion ist eine Vorstufe der Selbsterkenntnis und erlaubt das Erkennen der eigenen Fähigkeiten, Möglichkeiten und Realitäten. Aber auch ein kritisches Hinterfragen unseres eigenen Verhaltens und unserer Einstellungen. Selbstreflexion löst automatisch einen inneren Entwicklungsprozess aus.

„Selbsterkenntnis ist der erste Weg zur Besserung“


Mit Selbsterkenntnis meine ich hier die menschliche Fähigkeit, welche die Grundlage für Intersubjektivität bildet. Also das Verstehen von anderen Menschen als wichtige Voraussetzung für ein intaktes soziales Miteinander – egal ob im Unternehmen, in der Familie oder unserer Gesellschaft.

Doch wie wir vermutlich alle aus eigener Erfahrung wissen, reicht das Wissen um die Selbsterkenntnis alleine nicht aus. Nach der sogenannten „rationalen Einsicht“ kommt im Phasenmodell der Veränderung der schwierigste Teil, derjenige der „emotionalen Akzeptanz“.


Phasenmodell der Veränderung

Phasenmodell der Veränderung

Dieses Modell zeigt unter anderem, dass erst nach Erreichen des tiefsten Punktes, welcher auch als „Tal der Tränen“ bezeichnet wird, die Kurve wieder nach oben gehen kann. An diesem Tiefpunkt sollte man sich selbst die Frage stellen was und wo man sich ändern will.
Haltungen, Einstellungen, Sicht- und Verhaltensweisen?

Mit dieser Selbsterkenntnis können neue Verhaltensweisen ausprobiert und später implementiert werden. Dadurch erweitern wir unseren Gestaltungsraum nicht nur in Bezug auf unser Verhalten und unsere Einstellung, sondern auch auf wertvolle Weise für uns und unser Umfeld. Wer diesen Weg nicht geht, sondern eher in die Verleugnung, eine narzistische, selbstgefällige Haltung einnimmt oder sich von seinem Ego täuschen lässt, der geht in die Selbsttäuschung.

Selbsttäuschung ist das Gegenteil von Selbsterkenntnis


Wobei ich die Erfahrung gemacht habe, dass Selbsttäuschung in beide Richtungen gehen kann: entweder in Selbstüberschätzung oder auch Selbstunterschätzung. Leider findet man dieses Phänomen bei Unternehmern und Führungskräften viel zu häufig. Denn die Sozialkompetenz kommt selten mit dem eigenen Ego oder Intellekt mit. Oftmals ist kognitive Intelligenz-IQ oder Fachkompetenz reichlich in Unternehmen vorhanden. Emotionale Intelligenz-EQ oft nur wenig bis mäßig und spirituelle Intelligenz-SQ leider oft gleich 0.

Dabei geht es aber im Arbeitsleben des 21. Jahrhunderts vor allem darum, Mitarbeiter zu motivieren, „zu fühlen“ und ihnen und ihrer Arbeit durch entsprechende Führung auch einen tieferen Sinn zu vermitteln (Transformationale Führung).

Nicht nur Unternehmer sind auf der Suche nach dem Sinn des Lebens!!!


Da immer noch viel zu wenig Unternehmer und Führungskräfte regelmäßig mit Selbstreflexion arbeiten und danach handeln, ist auch häufig ein sehr lineares Denken zu beobachten.
Diese Menschen haben gelernt, ihre Ziele geradlinig zu verfolgen. Das Gegenüber wird dabei oft aus dem Blickwinkel verloren.

Und so kommen wir zurück auf den oben genannten ganzheitlich erfolgreichen Unternehmer oder die ganzheitlich erfolgreiche Führungskraft: Es sind eben nicht die umsatzfokussierten Workaholics, die ein Unternehmen erfolgreich machen, sondern Menschen, die nicht nur mit Verstand, sondern zusätzlich mit Herz und Einfühlungsvermögen führen. Eben Menschen, die Vorbild sind, Werte leben und vorleben, eine Vision aufzeigen und damit eine Möglichkeit schaffen, dass andere, beispielsweise ihre Mitarbeiter, in dieser Vision mit aufgehen und sie bei der Erreichung unterstützen.

Schon lange kann man die Entwicklung beobachten, dass sich der Arbeitgebermarkt zu einem Arbeitnehmermarkt wandelt. Nicht mehr der Arbeitgeber sucht sich den Mitarbeiter aus, sondern der Mitarbeiter das Unternehmen! Dementsprechend sollte klar sein, dass auch Führung neu gedacht werden muss. Es werden nur diejenigen Unternehmer und Führungskräfte erfolgreich sein, denen es gelingt loyale Mitarbeiter an das Unternehmen zu binden.

Wie aber der Name schon sagt: dazu müssen Unternehmer und Führungskräfte bindungsfähig sein, das heißt es muss ihnen gelingen eine gute Beziehung zu ihren Mitarbeitern aufzubauen.
Und es ist zu berücksichtigen, dass Loyalität keine Einbahnstraße vom Mitarbeiter hin zum Unternehmer ist, wie man sehr oft nach landläufiger Meinung meint. Loyalität  muss immer in beide Richtungen gehen.

Um all dies zu erkennen, ist Selbstreflexion und das Auflösen eigener blinder Flecken unumgänglich. Nach dem Motto: Ändere dich selbst und Du veränderst damit auch dein Umfeld.

Bedeutet nach innen gehen auch innehalten?

Mitnichten!! Vielleicht wäre innehalten genau das, was uns und unserem Körper an mancher Stelle jetzt gut tun würde. Wer von uns sehnt sich in unserer hektischen Welt nicht ab und an nach einer Verschnaufpause? Wir sind umgeben von einer Informationsflut, die zur dauerhaften Reizverarbeitung führt. Ja, oftmals sogar zu einer Reizüberflutung und wir erkennen oftmals nicht mehr was wirklich wichtig ist. An dieser Stelle gilt es ganz bewusst den Fokus nach innen zu verschieben.
Was denkst, fühlst und willst Du in diesem Moment genau? Was nimmst Du wahr?

Innenschau ist Fluch und Segen zugleich

Quell der Freude einerseits, aber auch Schmerz und großes Leid, wenn wir Irrwege erkennen müssen.

Dabei kommen wir, zumindest wenn wir erstklassige Führungsarbeit leisten wollen, nicht umhin den Schmerz der Selbsterkenntnis zu empfinden. Oftmals rammt sich die Nadel der Erkenntnis tief in unseren Leib. Halten wir diesen Schmerz aus, gehen diesem nicht aus dem Weg und ziehen eine Erkenntnis daraus, werden wir allerdings mit persönlicher Weiterentwicklung belohnt. Das ist ein Charakterzug den jede Führungskraft unbedingt für sich entdecken oder entwickeln muss, sonst geht er meiner Erfahrung nach irgendwann mit Pauken und Trompeten unter oder auch das gesamte Unternehmen.

Ich persönlich habe hohe und höchste Führungskräfte, Manager, Geschäftsführer und CEOs begleitet, welche die Verantwortung für Hundertausende, hunderte von Millionen und Milliarden Euro und für eine Zahl von 3 bis über 5500 Mitarbeitern hatten. Viele davon leben und lebten weit weg von jeglicher Reflexionsfähigkeit davon, was sie eigentlich tagtäglich machen. Sie leben oftmals ein Leben welches sie weit weg von Glück und Freude gebracht hat – und noch weiter weg von der Entdeckung emotionaler oder spiritueller Intelligenz.

Letztere ist unserer Meinung nach notwendiger denn je und wird für Unternehmen, die im 21. Jahrhundert nicht nur überleben wollen, sondern auch noch auf anderer Ebene etwas bewirken wollen, unerlässlich sein zu entwickeln.

Studien bestätigen übrigens den Zusammenhang zwischen Selbstreflexion und Erfolg in der Führung. Warum?

Selbstreflexion fördert die Persönlichkeitsentwicklung

Dennoch beobachte ich regelmäßig in unternehmerischen Bereichen, dass Selbstreflexion kein besonders gutes Image hat. Eigentlich kein Wunder, denn die meisten Unternehmer und Führungskräfte sind auf einem blau-orangenen Bewusstseinslevel (nach Spiral Dynamics - einer Entwicklung von Werte-Bewusstsein im Innen). Die blaue und orangefarbene Ebene ist stark mit Traditionalität, Leistung und Erfolg verbunden. Selbstreflexion und das damit verbundene Nachdenken und „über den Tellerrand denken", könnten vorhandene Strukturen und Weltbilder dieser Bewusstseins-Ebenen ins Wanken bringen.

Das ist auch der Grund, warum in blau-orangenen Unternehmen zu 80% an der Maßnahmenplanung und nur 20% der Teamentwicklung gearbeitet wird. Wie viel Prozent dabei zusätzlich noch für Persönlichkeitsentwicklung übrig bleibt, kann sich jeder selbst errechnen.

Meine Beobachtung: es wird im Schweinsgalopp zwar ab und an nach der Befindlichkeit der Teammitglieder gefragt – aber nicht wirklich darauf eingegangen – auch aus dem Grund, weil sowohl bei den Unternehmern selbst als auch bei ihren Führungskräften zu wenig Gespür, keine Kompetenzen oder Werkzeuge vorhanden sind. Und selbst wenn diese vorhanden sind, was selten genug der Fall ist, wird dem nicht ausreichend Priorität gegeben. So wird das Problem hinter dem Problem – das es übrigens immer gibt – selten erkannt und entsprechend an den falschen Stellschrauben gedreht. Es bleibt bei der rein fachlichen Betrachtung – also sind wir wieder bei kognitiver Intelligenz-IQ und emotionale Intelligenz-EQ und spirituelle Intelligenz-SQ bleiben auf der Strecke.
Warum ist das so? Einfache Antwort:

Emotionale Intelligenz-EQ und spirituelle Intelligenz-SQ lassen sich nicht in EURO messen

In grünen Unternehmen (nach Spiral Dynamics), wo Wert auf Gerechtigkeit, Gleichbehandlung und Wertschätzung gelegt wird, ist das schon ein wenig anders – aber hier steht man oft vor der Herausforderung, dass EQ zu sehr im Vordergrund steht und oftmals kein oder zu wenig Geld verdient wird.

Und hier schließt sich wieder der Kreis zu Tolstoi's Gedanken:
Alle denken nur darüber nach, wie man die Menschheit ändern könnte, doch niemand denkt daran sich selbst zu ändern.

Daher lasst uns beschließen, dass wir es besser machen können. Was ist dein Beitrag den Du hierzu leisten könntest?

Nutze die Krise und gehe in Selbstreflexion, um persönlich und unternehmerisch neue Weichen zu stellen

Wir wären keine guten Führungskräfte, wenn wir die Zeit, die dem einen oder anderen derzeit vielleicht durch eine unfreiwillige Pause auferlegt wird, nicht nutzen würden und wenn wir die Dinge nicht auf der Stelle anpacken und tun, was getan werden muss.

Aber wie gesagt:
Auch ein Selbstgespräch hängt immer von der Qualität des Gesprächspartners ab.

In diesem Sinne, alles Gute!

Eure Ulrike

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Ulrike Bleicher-Rapp

Wirtschaftspsychologin, Betriebswirtin und Unternehmensberaterin für integrale Organisationsentwicklung und Change Management.